Moin!

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#HandgegenKoje

Seit 21 Tagen trage ich rot und strotzte wie Pamela Anderson voller Tatendrang; nicht am Strand von Malibu, sondern im Nationalpark Wattenmeer.
Gemeinde Hooge“ steht vorne auf meinem T-Shirt und „Information“ auf meinem Rücken; meine Arbeitskleidung für einen Sommermonat.

Jeden Tag rette ich im Projekt „Hand gegen Koje“ ein bisschen die Hallig-Welt, indem ich zwischen vier bis sechs Stunden täglich im Info-Point am Schiffsanleger ehrenamtlich arbeite. Meine Hauptaufgabe besteht darin, die Kurabgabe von den Tagestouristen und Reisegruppen zu kassieren: Der legendäre Hallig-Taler.
Erwachsene zahlen 1 Euro und Kinder (6-18 Jahre) 0,20 Euro. Hunde, Fahrräder und Regenbekleidung sind gratis.
Mein Lächeln bei Regen und Wind sind dagegen inklusiv.

90.000 Tagesbesucher erkunden jährlich mit dem Fahrrad, zu Fuß oder mit der Pferdekutsche die 5,6 Quadratkilometer große Hallig; nur 18 km von Schlüttsiel – auf dem Festland – entfernt.
107 Einwohner wohnen auf insgesamt 10 Warften. Es gibt eine Pastorin, eine Lehrerin für sieben Kinder, eine Erzieherin, einen Krankenpfleger, keinen Arzt, einen Hafenmeister, einen Seehundjäger. Viele Hooger haben oft zwei Jobs oder sogar drei. Von Hooge kann man Ausflugsfahrten nach Amrum, Sylt oder zur kleinsten deutschen Gemeinde – nach Groede – machen; muss man aber nicht. 🙂

Meine Koje

Das  Projekt „Hand gegen Koje“ bietet die Gemeinde seit 2010 an. Dutzende von Festland-Tiroler bewerben sich jedes Jahr, um mindestens vierzehn Tage auf der großen Marschinsel frische Nordseeluft zu schnuppern und sich mit purer Natur durchfluten zu lassen. Neben dem Schiffsanleger werden die HgK-Teilnehmer auch im Touristikbüro eingesetzt, streichen Bänke, mähen Rasen oder zupfen Unkraut. Nur drei bis vier Bewerber bekommen jedes Jahr eine Zusage. Im Gegenzug dazu bekommt man nicht nur eine Koje, sondern eine Gemeindewohnung gestellt.
Ich habe großes Glück mit meiner Wohnung auf Ockenswarft; es ist eine gut ausgestattete 50 qm große ehemalige Ferienwohnung in der ersten Etage mit Rund-um-Blick auf die Nordsee, mit Garten, mit Waschmaschine und mit entschleunigtem WLAN. Rechts von mir wohnt die Hallig-Schreiberin Judith Arlt sowie in der ersten Woche unten der Lyriker Amir aus Köln. Das erinnert mich ein wenig an eine Künstlerkolonie. 🙂
In dieser traumhaften Umgebung fällt es leicht, jeden Tag bei Wind und Wetter motiviert zum Anleger zu radeln und alle Aufgaben voller Freude zu erledigen.

Jobbeschreibung „Hand gegen Koje“:

  • Hallig-Taler von den Tagestouristen kassieren
  • Reinigung der Damen- und Herrentoiletten
  • Bei Bedarf Toilettenpapier, Papierhandtücher und Seife nachfüllen
  • Räume und Wartebereich fegen und wischen
  • Fenster putzen
  • Mülltonnen entleeren
  • Müll aufsammeln
  • Suppe (Kaffee) für das Team und die Kutscher kochen
  • Flyer heften, falten und auffüllen
  • Touristische Auskünfte geben
  • Quittungen für Reiseleiter ausstellen
  • Heiße Zitrone für Kutscher Hansi nicht vergessen
  • mit dem Hafenmeister Thorsten, seinem Stellvertretert Hartmut und anderen Hgk-ler viel lachen

Nach Feierabend sitze im Strandkorb an meinem Lieblingsplatz Landsende, schaue übers Meer und lerne heute für die Abschlussprüfung. Ich darf nächstes Jahr wiederkommen, wenn ich das Hand-gegen-Koje ABC in und auswendig beherrsche. Falls ich an den Prüfungsaufgaben scheitere, werde ich sofort mit dem nächsten Schiff nach Noorderoog geschickt, um Vögel zu zählen oder muss das Watt umgraben.
Mein Chef Hafenmeister Thorsten Junker und sein Stellvertreter Hartmut Dell Missier sind friesisch streng mit den HgK-Teilnehmern. Du kannst dir vorstellen, dass ich ziemlich aufgeregt bin. Selbst die Schafe empfinden Mitleid mit mir und schauen um die Ecke.

Hand-gegen-Koje ABC

A
Ankommen am Anleger. Alle Sorgen auf dem Festland hinter dir lassen, um dem lauten und schrillen Kontaktruf des Austerfischers zu lauschen.

B
Brise. Gegenwind stärkt nicht nur die Beinmuskulatur, sondern auch den Charakter.

C
Chef. Aus welcher Stadt kommt Hafenmeister Thorsten ursprünglich? Was ist sein Lieblingsessen?

D
Ditten. Vor dem Anschluss an das Stomnetz heizte man hier mit rechteckigen Platten aus Kuhdung.

E
Ebbe in der Kasse. Flut im Leben. Wie kann man sein Leben verdichten?

F
Als Fehting bezeichnet man ein Regenwassersammelbecken auf einer Warft; sie dienten in der Regel als Viehtränke; nicht als Trinkwasser. Erst seit 1968 verfügt Hooge über einen Wasseranschluss.

G
Gezeiten. Die Nordsee ist kein Infinity Pool. Wer nicht auf dem Trockenen sitzen möchte, schaut in den Gezeiten-Kalender, bevor er ins Wasser hüpft.

H
Hanswarft. Der touristische Hotspot mit Sturmflutkino, Königspesel, Halligmuseum und Hallig-Kaufmann.

I
Eine Insel ist keine Hallig. Eine Hallig ist eine kleine, nicht oder nur wenig geschützte Marschinseln vor der Küste, die im Gegensatz zu einer Insel überflutet werden kann. 1962 hat man überlegt, die Hooger auf ’s Festland zu übersiedeln und die Hallig untergehen zu lassen. Heute weiß man, dass die Halligen einen aktiven Küstenschutz für das Festland bilden.

J
Jo. Die friesische Antwort auf alle Fragen des Lebens. Jo sagen. Schweigen. Aufs Meer schauen. Denn wir wissen. „Ein Schiff wird kommen.“

K
Kirchwarft. Schönster Ort zum Entschleunigen. Der Muschelsand zwischen den Kirchenbänken lädt zum Träumen ein.

L
Landsunter. Kann kein Tourist der Welt buchen, weil es eine einzigartige Naturgewalt ist. Mindestens zehnmal versinkt die Hallig Hooge in der Nordsee. Würde man dann eine Drohne über die Hallig schicken, schauen von oben die zehn Warften der Hallig Hooge raus.

M
Moin. Moin ist ein ganzer Satz. Mit Moin komme ich souverän durch den ganzen Tag. Moin Moin nur etwas für Quasselköpfe wie Hamburger oder Sylter.

N
Nordsee. Mein Lieblingsplatz, um auf die Nordsee zu schauen ist Landsende. Von hier aus schaut man nach Pellworm und Norderoog.

O
Ordnen. Hallig Hooge ist ideal, um seine Gedanken zu ordnen und sein Herz zu weiten. „Rüm hart – klåår kiming“ heißt hier auf Nordriesisch.

P
Der letzte Postschiffer der Hallig war Hans von Holdt; Gründer des Heimatmuseums und der Großonkel von Kapitän Heinrich von Holdt; der mit seiner MS Seeadler verschiedene Ausflugsfahrten durch das Nationalpark Wattenmeer anbietet.

Q
Bitte mehr Quermarkfeuer im Gehirn für nachhaltige Touristikkonzepte und neue Zielgruppen für die Hallig Hooge.

R
Ringelgans. Zehntausende Ringelgänse machen hier im Frühling einen Boxenstopp auf den sattgrünen Halligwiesen, fressen sich satt und rund und fliegen mit neuer Energie vollgetankt die 4.000 km nach Sibirien.

S
Wenn hier der Strom ausfällt; gibt es Nachwuchs für die Hallig-Schule mit derzeit 7 Schülern.

T
Tideabhängig. Die Tide ist die Differenz zwischen Ebbe und Flut. Alles ist hier miteinander verbunden: die Gezeiten, die Jahreszeiten, der Schiffsverkehr, die Hooger, die Touristen, die Pferdekutschen …

U
Unterhaltung. Wer spannende Hallig-Geschichten über die Halligwelt, Sturmfluten, harte Winter hören will, lauscht den humorvollen Vorträgen von Hartmut Dell Missier.

V
Vieh. Die Kühe hier sind Pensionsvieh, d,h., sie übernachten nicht wie die Touristen in Pensionen, sondern weiden von Mai bis Oktober auf den Fennen (Salzwiesen). Auch sie müssen mit der Fähre wieder ans Festland gebracht werden.

W
Wattwanderung zum Japsand – lohnenswert.

X
X-te Frage. Es gibt nix, was ein Tourist nicht fragt.

Y
Eine Yacht gibt es hier nicht, dafür einen Krabbenkutter.

Z
Zahnschmerzen auf der Hallig Hooge sind fast so blöd wie mein Abschmiedschmerz, der mir an meinem letzten Arbeitstag droht. „Einmal Hooge, immer Hooge“, sagt man hier.

Prüfung bestanden. Ich darf nächstes Jahr wiederkommen und werde vom 11.08. bis 13.08.2017 einen Pilates-Workshop in der Halligschule auf Hooge anbieten,

Jo! 

Mit weitem Herz auf Ockenswarft und klarem Horizont am Landsende geschrieben.
Herzlichen Dank für Eure Gastfreundschaft, liebe Hooger; vor allem Danke an Thorsten Junker, Hartmut Dell Missier, Kapitän Heinrich von Holdt, den Hooger Pferdekutschern, bester Fahrradmonteur und Geburshelfer für Kälber Thomas, meinen Nachbarinnen auf Ockenswarft Judith Arlt sowie Maike und meinen HgK-Kollegen Amir aus Köln, Melanie aus Dresden und Andrea aus Dortmund.
Ihr habt alle das Projekt „Hand gegen Koje“ erst erlebbar gemacht.

 

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