Ab in den Keller, Frau Markenberaterin. Montags dürfen sie wieder anklopfen.

Juhu, ein Abenteuer-Projekt. Ende 2020 habe ich ein Künstler-Stipendium vom Land NRW erhalten. Das verschafft mir einen Pippi-Lang-Strumpf-mäßigen Raum, zu experimentieren und philosophische Fragen zu stellen. Seit mehreren Monaten verwandele ich freitags mein Home-Office in ein Atelier. Bevor ich es betrete, kicke ich die stringente Markenberaterin raus. Die nervt mich mit ihren Fragen: „Ulrike, was ist deine Zielgruppe bei deinem Kunstprojekt? Und überhaupt, in welcher Nische bist du unterwegs? Kunst rechnet sich eh nicht.”

Ulrikes Kunstprojekt

Die menschliche Person bedarf der Bestätigung,
weil der Mensch als Mensch ihrer bedarf.
Martin Buber

Die Corona-Krise zeigt uns, dass wir ohne Kontakt eingehen wie Blumen, die keiner mehr gießt. Dabei ist das Bedürfnis nach Kontakt eines der Dinge, die unser Menschsein ausmacht.
Von klein an brauchen wir die liebende Bindung zu unseren wichtigen Bezugspersonen: unseren Eltern.
Auch als Erwachsene können wir nicht ohne Bindung leben. Wir verkümmern. Wir Menschen sind Bindungs-Menschen. Wir brauchen diese Bindung, denn sie stärkt uns.
Als Single. Als Paar. Als Eltern. Als Unternehmer:innen. Als Kollege. In der Familie. Als Team im Unternehmen. Im Seniorenheim.
Die echten Begegnungen mit Personen vermisse ich sehr. Ein Plausch mit der besten Freundin bei Kaffee und Käsekuchen. Spontan 600 km reisen, um meine Eltern (beide über 80 Jahre) in den Arm zu nehmen.
„Hands on“ bei meiner treuen Montags-Pilates-Gruppe, wenn bei einer Kursteilnehmerin die Schultern nach oben flutschen.
Die Künstlerin in mir fragt sich daher: „Wenn die echten Kontakte im Moment nicht möglich sind, wie stellen wir in Video-Konferenzen Bindung und Vertrauen her? Können wir die Augenkontakt-Experimente aus dem Analogen ins Digitale übertragen? Oder brauchen wir die Anwesenheit des physischen Körpers, um auf Zoom und Co. leichter Nähe zu spüren?”

Was sind Augenkontakt-Experimente?

Der US-Psychologe Prof. Arthur Aron brachte in den 80er Jahren Paare, die sich vorher nicht kannten, zusammen und ließ sie sich gegenseitig 36 Fragen beantworten, die nach und nach immer persönlicher wurden.
Das Experiment endete mit einem vierminütigen stillen Augenkontakt.
Manche Menschen mussten vor Ende der vier Minuten abbrechen, weil es ihnen zu intensiv war, manche begannen zu weinen, andere mussten lachen oder verliebten sich sogar ineinander.
Die Performance-Künstlerin Marina Abramovic hat dieses Grundidee in ihrem Projekt „The Artist is Present“ weiterentwickelt:
Im Jahr 2010  empfing sie über drei Monate lang, jeden Tag 8 bis 10 Stunden lang, Museumsbesucher im Museum of Modern Art (New York). Sie nahmen ihr auf einem Stuhl gegenüber Platz und konnten ihr ohne Zeitbegrenzung in die Augen blicken. Sie schreibt in ihrer Biografie „Durch Mauern gehen“ auf Seite 395/396:

Schon ziemlich zu Anfang fiel mir etwas Unglaubliches auf: Jede Person, die sich auf dem Stuhl mir gegenübersetzte, ließ eine ganz spezielle Energie zurück. Die Person ging, die Energie blieb.“ …

Später interessierten sich mehrere amerikanische und russische Wissenschaftler für The Artist Is Present. Sie wollten die Gehirnströme messen, die durch diesen Blickkontakt, durch die nonverbale Kommunikation zwischen Fremden ausgelöst wurden. Und Sie haben festgestellt, dass in diesem Fall die Gehirnströme miteinander übereinstimmen und identische Muster bilden.

Zwischen-Ergebnis meiner Digitalen Experimente

Seit Januar lade ich jeden Freitag Personen ein, die ich aus dem beruflichen Umfeld gut oder weniger gut kenne. In diesem 1:1 Experiment probieren wir auf Zoom aus, wie wir einen virtuellen Raum schaffen können, in dem eine gute Energie in Form von Nähe, Bindung oder humanistischer Liebe entstehen kann. Obwohl wir uns nicht in demselben Raum gegenüber sitzen.
Der Unterschied zum analogen Augenkontakt-Experiment ist, dass man sich nicht wirklich in die Augen schauen kann. Das gelingt nur, wenn Person A in die Kamera schaut. Dann hat Person B das Gefühl, direkt gesehen zu werden. Nach 4 Minuten wird gewechselt. Person B schaut in die Kamera. Person A hat dann das Gefühl angesehen zu werden.
In eine schwarze Linse zu schauen, fühlte sich aber weder für meine Teilnehmer:innen wie auch für mich nicht gut an.

Um die Hürde mit der Kamera zu überwinden, habe ich bei den nächsten Experimenten einen anderen Weg ausprobiert.
Im ersten Schritt praktiziere ich mit den Teilnehmenden drei Entspannungsübungen, damit Geist und Körper zur Ruhe kommen und Alltags-Stress abgebaut wird.
Dieser Teil fällt Personen, die regelmäßig meditieren oder Yoga ausüben leichter als Menschen ohne Erfahrungen in Körperarbeit. Im zweiten Schritt visualisieren wir das Gesicht des Gegenübers. Achtung: Hier geht es nicht darum, sich zu merken, welche Augen- oder Haarfarbe die Person hat, sondern um das Gefühl des „Sehen und Gesehen Werdens.“

Im dritten Schritt praktizieren wir die Meditation des „Inneren Lächelns.
Am Ende dieser Meditation stellen wir uns das „Gesicht“ des Gegenübers vor und verbinden uns mit dem anderen, indem wir ihm etwas Gutes wünschen.
Die Wünsche werden nicht laut ausgesprochen. Alle Meditationen spreche ich live vor der Kamera. Die Entspannungsübungen sowie die Meditation werden mit geschlossenen Augen durchgeführt, um die Aufmerksamkeit nach innen zu stärken. Das gesamte Experiment dauert ca. 45 Minuten.
(Disclaimer: Mehr zu den Übungen findest du in meinem Blogbeitrag.)

Das berichten die Teilnehmenden:

  • Sie spüren Gefühle wie Ruhe und Positivität.
  • Sie bekommen Lust auf den Arbeitstag.
  • Sie sind zuversichtlich, dass es ein schöner (Arbeits-)Tag wird.
  • Das Experiment wirkt wie ein Reset.
  • Sie fühlen einen intuitiven Zugang zu ihrem Körper.
  • Sie sehen den anderen. Und sie werden gesehen.
  • Sie lernen sich und das Gegenüber neu kennen.
  • Über meine “Meditation-Stimme” entsteht eine „neue“ Verbindung.

Mein Kunstprojekt läuft bis Ende Juni im digitalem Raum. Sofern es die Corona-Vorschriften zulassen, endet das Projekt mit einer Live-Performance in Köln.
Du hast Interesse an diesem Experiment teilzunehmen? Du hast weitere Ideen? Oder du willst es in einer anderen Form unterstützen? Dann sende mir eine E-Mail an: brief@ulrikezecher.de

P.S. Das Wissen rund um Körperarbeit und Meditation stammt aus meiner zehnjährigen Selbstständigkeit als Personal Trainerin und Burnout-Beraterin.

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