Mein grüner Koffer ist gepackt. Ich sitze am Abend vor meiner Abreise am Küchentisch und höre mir selbst zu:

Bist du total übergeschnappt. Eine Auszeit von vier Wochen, um ehrenamtlich zu arbeiten. Keine Kohle in dieser Zeit. Oh Fuck, du musst sogar die Damen- und Herrentoiletten am Schiffsanleger putzen. Hast du dafür BWL studiert, Ulriiiiiiike!, im schrillen Ton einer Gouvernante.

Sei still. Ich habe es so satt, mir beim Träumen zuzusehen. Ich ziehe morgen hier den Stecker raus. Und du hältst ab sofort den Mund. Oder noch besser: Du bleibst hier.

Unsinn? Bitte hier entlang!

Seit meinem Abitur habe ich noch nie etwas Unvernünftiges gemacht. Immer gab es einen konkreten Plan: Erst Abi, Ausbildung, dann BWL-Studium, später Festanstellung als Personalreferentin. Sich als junge Mutter selbstständig zu machen, zunächst als Personal Trainerin, später als Coach war mutig, aber nie unvernünftig.
Ich war noch nie auf Weltreise. Bis nach Stockholm und bis nach Venedig habe ich es bisher geschafft.  Mit dem Flugzeug wohlgemerkt. Vier Wochen lang auf einer 5,6 Quadratkilometer großen Marschinsel mit rund hundert Einwohnern mitten in der Nordsee ehrenamtlich zu arbeiten, ist dagegen provozierter Unsinn. Freiwillig auf Kino, hippe Kultur und Shopping-Erlebnisse zu verzichten.
Stattdessen gibt es alles nur einmal: einen Kaufmann, einen Krankenpfleger, einen Hafen-meister, eine Pastorin, eine Lehrerin, viele Schafe, Pensionsvieh. Im Sommer kommen täglich 800 Tagestouristen, von denen ich am Schiffsanleger die Kurtaxe, den „Halligtaler“, kassieren werde, dazu.
Etwas in meinem Leben zu machen, was nicht den Gesetzen der Effizienz und der Produktivität unterliegt, dafür hat mir bislang der Mut gefehlt. Oder anders formuliert: Die Angst ist immer größer als die Sehnsucht gewesen.

Mein Leben ist – endlich

2016 sind viele Idole aus meiner Jugend gestorben. Gerade hast du das Bravo-Poster von David Bowie an die Wand deines Jugendzimmers geklebt und gefühlt ein paar Tage später, stirbt er. Nicht viel älter als du und ich.
Dann erkrankte eine Kollegin von mir, die ich sehr schätze, an Krebs. Mit diesem Scheiß-Krebs habe ich auch meine Erfahrung gemacht. Mit Anfang vierzig habe ich einen nahen Angehörigen durch alle Phasen einer Krebserkrankung begleitet. Da hat es in meinem Leben das erste Mal Klick gemacht. „Ups, das Leben ist tatsächlich endlich – auch für mich.“
Mein klitzekleines Menschen-Leben würde auf ein fünflagiges Toilettenblatt passen, wenn ich in den letzten Atemzügen meine Sommer an mir vorbeiziehen lasse.
An was denkt man in der Todesstunde? Oder was bereut man? Blöd, dass ich das bisher noch keinen fragen konnte. Eines weiß ich jetzt schon, man erinnert sich bestimmt nicht, an die Zeit im Büro oder an den Kontostand, sondern an die Momente, in denen du tiefes, stilles Glück gefühlt hast.

Sich die Erlaubnis für die eigenen Träume geben

Ich habe sie alle gelesen und wieder ins Regal gestellt. Alle Ratgeber, die sich darum drehen, dass man seinem Herzen folgen soll. Am Ende ist nur passiert, dass nix bei mir passiert ist. Das Träumen allein reicht nicht aus, um eigene Herzenswünsche wie  „eine Alpenüberquerung“, „am Meer schreiben“ oder  „eine Auszeit“ in die Tat umzusetzen.
1,5 Jahre hat es bei mir gedauert, bis ich eine Zusage für das Projekt „Hand gegen Koje“ * erhalten habe. Ich bin hartnäckig am Ball geblieben und habe mich öfters beim Hooge Gemeindebüro beworben. Erst, als ich mir innerlich die Erlaubnis für meine Hallig-Zeit gegeben habe und meine Sehnsucht größer als meine Angst war, bekam ich innerhalb von einer Woche die Zusage. (Anmerkung: Jedes Jahr gibt es drei bis vier Projektplätze).
Ich kann mir vorstellen, wie du mit den Augen rollst, weil sich das zu eso-spirituell liest. Probier es einfach aus!

Wir entdecken uns neu, wenn wir allein reisen

Reisen mit sich allein, erinnert mich an ein weißes unbeschriebenes Blatt Papier. Du wirfst alle Konzepte über dich für ein paar Wochen über Board und fängst neu an. Da denke ich natürlich nicht an einen Pauschalurlaub, wo das einzige Abenteuer darin besteht, mit dem Badetuch die Strandliege zu reservieren.
Auf der Hallig punkte ich mit einer Eigenschaft, die meiner rheinländischen Frohnatur im Alltag am Sitzfleisch vorbeigeht. Putzen halte ich für total überbewertet; lieber schreibe ich in dieser Zeit einen Blogartikel.
Als die friesischen Sonnenstrahlen auf den verglasten Unterstand am Info-Point treffen, setze ich mein gesamtes Karma dafür ein, die verschmutzen Fenster ausschließlich mit Zeitungspapier und Putzmittel zu reinigen. Ich putze, rede, wische, bis ich meine Kolleginnen aus Dortmund und Dresden von dieser Methode überzeugt habe.
Innerlich schüttel ich mich vor Lachen, weil ich in diesem Moment meine Düsseldorfer Werkseinstellung komplett aufgegeben habe.

Moin

Hihi, ich liebe es mit mir selbst zu reden. Eine Nebenwirkung, wenn du als Einzelunternehmerin im Homeoffice arbeitest. In unserem friesischen Baywatch-Team bestehend aus Hafenmeister Thorsten Junker, seinem Stellvertreter, einem HgK-Kollegen und mir lasse ich meine Selbstgespräche auf dem Festland in Schlüttsiel zurück. Sonst hätten alle gedacht. die Tussi aus Düsseldorf ist komplett übergeschnappt …
An den Friesen schätze ich vor allem ihren trockenen Humor, der evolutionsmäßig dadurch entstanden ist, dass die feuchte Nordsee direkt vor der Haustür liegt. Friesen kommen mit einem Wort durch den ganzen Tag und wahrscheinlich auch die Nacht. „Moin“ ist das friesische Storytelling, mit dem du sämtliche Emotionen gewaltig ausdrücken kannst.

Das kleine Glück kommt unerwartet

Es regnet bei meiner Ankunft auf der Hallig. Ich bin müde von der achtstündigen Fahrt mit Bahn, Bus und Schiff. Ein Gemeindemitarbeiter bringt mich mit dem Auto zu meiner „Koje“ – eine ehemalige Ferienwohnung.
Aus dem Augenwinkel schaut mich ein Fahrrad an, das sich schlecht gelaunt an die Hauswand lehnt. Wir werden in diesem Sommer ziemlich beste Freude werden. Noch ahne ich nichts davon.
Am ersten Arbeitstag radel ich zum Anleger und stellte fest, dass von den sieben Gängen nur einer funktioniert. In manchen Momenten fährt es sogar rückwärts, vielleicht weil es eigensinnig ist? Egal, ich habe ein Fahrrad.
Nach der Arbeit fahre ich mit meiner Kollegin Melanie, Lehrerin aus Dresden, zum Cafe auf der Backenswarft. Hier bei Karen gibt es den besten Kuchen.
Auf meinem Ein-Gang-Fahrrad mit nordfriesischem Rückenwind überhole ich Kühe, Schafe und beige gekleidete Tagestouristen. Die unendliche Weite der Nordsee und des blauen Sommerhimmels öffnen mein Herz: Ich rieche Tiroler Nussöl, Pommes im Freibad, schmecke den ersten Kuss auf meinen Lippen und fühle mich wie eine verliebte 12-jährige. Das Leben ist so schön.

Abwarten, was kommt

Zehnmal im Jahr wird die Hallig von der Nordsee überflutet. Seitdem ich 2008 dieses Naturereignis auf der Hallig Langeness erlebt habe, während ich ein Seminar mit dem Titel „Flutende Zeiten“ besucht habe, bin ich fasziniert davon. Es gibt sogar Touristen, die rufen aus Berlin an, um einmal Land unter zu buchen.
Die Nordsee hat ihren eigenen Plan, dem sich der Mensch unterordnen muss. Der Schiffsverkehr wird eingestellt; keiner kommt auf die Hallig, keiner kommt weg.
Bei drohender Überflutung muss jede Verabredung abgesagt werden. Jetzt ist Abräumen angesagt, alles, was nicht niet- und wasserfest ist, muss rechtzeitig auf die zehn Warften ins Trockene gebracht werden.
In den Häusern bringst du vorsichtshalber alle technischen Geräte und wichtigen Dokumente in die oberen Stockwerke. Für den Notfall gibt es in jedem Haus einen Schutzbunker unterm Dach. Die Kühltruhen sind für die Selbstversorgung gefüllt.
Land unter lehrt dich Demut, Gelassenheit und Urvertrauen. Wasser kommt, Wasser geht. Alles im Leben hat seinen eigenen Rhythmus, in dem du eingebunden ist.

«Hand gegen Koje»: Der Begriff stammt aus der Seglersprache. Ein Skipper bietet einen Platz auf seinem Boot an, dafür wird mit angepackt. Bei dem Projekt der Gemeinde Hallig Hooge handelt es sich um eine unentgeltliche, ehrenamtliche Tätigkeit. Die tägliche Arbeitszeit beträgt vier bis sechs Stunden. Im Gegenzug stellt die Gemeinde eine Unterkunft. Teilnehmer sollten mindestens 20 Jahre alt sein und mindestens zwei Wochen Zeit mitbringen.

Mein Resümee: Eine Auszeit, die nichts mit deinem (Berufs-)Alltag zu tun hat, ist eine wunderbare Chance, dich selbst neu zu entdecken. Vorausgesetzt: Du gibst dir für dieses Abenteuer die Erlaubnis.
Manche wagen – wie mein „Chef“ Hafenmeister Thorsten Junker – sogar einen kompletten Neuanfang auf der Hallig Hooge:

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