Schreibcoach Gitte Härter lässt den Griffel fallen und schließt ihre legendäre Schreibnudel. Ein letztes Mal gehe ich heute in unser digitales Klassenzimmer. Als Streberin habe ich selbstverständlich das Fenster für meine fulminante Lehrerin geöffnet, damit der E-Mail-Pingpong fluffig funktioniert. Ich setze mich an meinen Schreibtisch und lese – bereits ein wenig verblasst – eingeritzt auf dem Tisch:

Erst heftig schwitzen, dann entspannen – so wirken Gittes Workshops auf mein Schreib-Gehirn. Nix-Tun-Ayurveda gibts woanders. (Ulrike Zecher)

Ja, ich erkenne meine Lobhudelei wieder. So heftig hat mein Schreib-Gehirn damals geschwitzt. Verträumt schaue ich ein letztes Mal aus dem Fenster. Sofort blitzen die wichtigsten Dinge auf, die ich bei Gitte in den letzten sieben Jahren gelernt habe:

Weg mit den Teflon-Texten. Schreib lebendig!

„Boah! Wie witzig schreibt die denn. – Das will ich auch lernen!“, habe ich gekreischt, als ich Gitte Härter, Schreibcoach und Schmarrnproduzentin aus München, mit Mitte 40 im Netz entdeckte.
Alle meine bisherigen Lehrer hatten mich Jahrzehnte lang auf einen öden Schreibstil getrimmt. Verrückt? Nein, sicher nicht. Im Deutsch-Leistungskurs über Goethes Faust zogen sich meine Schachtelsätze über mehrere Seiten hin. In meiner Diplomarbeit sowie in meinem Job als Personalreferentin wurde Wert auf einen gestelzten Stil gelegt: Viele Substantivierungen. Keine Emotionen. Null wörtliche Rede. Phrasen. Für solche Texte bekam ich eine Eins. Diesen steifen Aufsatzstil wollte ich mir als selbstständiger Coach abgewöhnen, weil er nicht mehr zu mir passte.

Schreiben ist Handwerkszeug.

Ein bekanntes Bonmot unter uns Autorinnen. Hört sich leicht an. Aber: Ist es nicht.
Beim Schreiben schälen wir unsere Persönlichkeits-Schichten. Da gab es bei mir die teflonbeschichteten, verkrusteten Häute aus meinem Deutschunterricht und – darunter verborgen – einen witzigen Ulrike-Kern. Diesen Kern wollte ich gerne mit Gittes Hilfe schürfen.
Ein professioneller Schreibcoach gelingt dieses Eintauchen, weil er ein Mix aus Cheerleaderin und Fräulein Rottenmeiner ist. Und in meinen ersten Schreibversuchen brauchte ich viel Cheerleading von Gitte. „Streicht sie Fehler rot an? Muss ich im digitalem Klassenzimmer nachsitzen?“ Trotz Zitterknie meldete ich mich im Februar 2013 zu meinem ersten Workshop bei Gitte an. Noch heute erinnere ich mich an die erste lustige Schreib-Aufgabe, die uns Gitte in der fünftätigen Schreibwerkstatt gestellt hat.

Aufgabe: Beschreibe eine Tätigkeit aus deinem Alltag (Apfel schneiden, Espresso kochen oder hier ein Käsebrot schmieren).

Ich bin eine Schwarzbrot-Diva

Die Entscheidung, auf welches Brot ich meinen Käse legen werde, hängt immer von meiner Tagesform ab. Da ich gerade in einer Schreibwerkstatt sitze und mein Gehirn kreative Höchstleistung vollbringt, entscheide ich mich heute bei meinem Lieblingsbäcker Hinkel für das kernigste Schwarzbrot.

Warum? Dort steckt ganz viel Energie drin. Selbstverständlich kommt mein Gouda nicht auf so eine Diät-Leichtschnitte mit einer Stärke Zero. Nein, als geborene Westfälin darf es mindestens 12 sein. Darunter fange ich gar nicht an zu essen: Ich bin eben, was das betrifft, eine Schwarzbrot-Diva.

Nachdem mein persönlich zugeschnittenes Schwarzbrot eingepackt ist, lege ich es zärtlich in meinen Rucksack. Schwinge mich voller Heißhunger auf mein Fahrrad. Nach 15 Minuten intensiven Radelns am schönen Rhein entlang bin ich zu Hause. Schnell in die 4. Etage hoch – heute nehme ich nicht den Aufzug.
Die Jacke ordentlich an der Garderobe aufhängen. Rucksack runter vom Rücken.
 „Herrlich, wie das duftet“, endlich nehme ich mein Schwarzbrot in die Hand.
Jetzt mache ich es mir richtig gemütlich. Ich decke mein Lieblingsbrettchen „Treuepfand“ , das meine wunderbare Tochter mir geschenkt hat. Jetzt schaut mich ein kleiner Hund mit großen Knopfaugen vom Brettchen entgegen. Während der Kaffee läuft, bestreiche ich mein Schwarzbrot mit der guten irischen Butter mit einem leichten Salzgeschmack und nun kommt endlich der frische Gouda drauf.
Mmmh, wie das schmeckt …

Diese Käsebrot-Küchenübung ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben. Wenn ich an Text-Aufträgen hänge, ist sie meine Inspiration beim Schreiben. Flugs gehe ich in die Küche. Schnappe mir irgendein Küchengerät. Dann reden wir viele Wörtchen miteinander:
Was hat zum Beispiel ein Schneebesen mit meinem Text zu tun. Welche Bilder verbinde ich mit Schnee-Besen? Welchen Zusammenhang gibt es zwischen meinem Küchengerät und meinem Text? Ist es die Fluffigkeit? Mit welchen Worten oder Assoziationen werden meine Texte fluffiger?
Oder ich stelle mir die wichtigsten Fragen, die meine Sinne inspirieren und mich direkt in die Text-Situation hinein beamen:

  • Was höre ich?
  • Was sehe ich?
  • Was rieche ich?
  • Was fühle ich?
  • Was schmecke ich?

2. Finde das Plankton! Immer.

„Ulrike immer erst das Plankton. Nicht sofort drauf los schreiben.“
Beim Plankton bin ich früher wie ein Wal durch den Text-Ozean geschwommen. Entweder hatte ich so viele verschiedene Plankton-Themen in einem Arbeitstitel verpackt, das ich mich beim Schreiben an ihnen verschluckt habe. Oder ich habe stundenlang vor Hunger nach dem einen Plankton-Thema gesucht.
Beim Plankton versteht Gitte keinen Spaß. Das ist gut so. Sonst hätte ich das nie gelernt!
Das Plankton muss echtes Plankton sein. Egal, ob es sich um einen Blogartikel , ein Buch oder einen Selbstlernkurs dreht, – immer erst den Plankton-Arbeitstitel konzipieren. Ganz ohne kryptisches Geschwafel und Marketing-Gedöns, sodass mich meine Tante Elly aus Iserlohn versteht. Falls sie im Himmel meine Blogartikel liest.
Das Plankton ist immer die kleinste und konkrete Themenfacette für eine bestimmte Zielgruppe und dieses Plankton bringe ich als Autorin in eine aussagekräftige und vorläufige Überschrift. Dieser Arbeitstitel, der zunächst nur für mich ist, hält mich beim Schreiben auf Spur.

Beispiel fürs Plankton:
Stellen wir uns vor, eine selbstständige Kommunikationstrainerin möchte einen Blogartikel schreiben, wie Frauen ihre Kommunikationsfähigkeiten im Job verbessern können. Das wäre noch ein riesengroßes Thema.
Jetzt kommen die weichenstellenden Fragen, die sich die Trainerin vor dem Schreiben stellt:
Für wen will ich den Blogartikel schreiben? Für Angestellte, Unternehmerinnen, Start-ups, Existenzgründerinnen? Was soll die Leserin danach wissen, tun können? Welches Format will ich wählen?

Ihr vorläufiger Arbeitstitel könnte zum Beispiel lauten:
„Warum ist es gerade für weibliche Angestellte schlau, am Ende eines Firmen-Workshops etwas zu sagen?“ Als Format für diesen Blogartikel entscheidet sie sich für den reinen Erklärtext: Warum ist das so? Darum …

Wichtig: Der Arbeitstitel ist nicht die fertige Headline, sondern er hält uns Autorinnen auf Spur. Wie der Mittelstreifen auf der Autobahn. Der Arbeitstitel verhindert zum Beispiel, dass wir plötzlich über ein anderes Thema schreiben. Das Wegschreiben ist nur einer der Feinde des Planktons. Wie uns Gitte in ihrem Video selbst erklärt:

3. Bleib dran – auch wenn du Schiss hast!

Ganz unter uns: Jeder Workshop, den ich in den vergangenen Jahren bei Gitte gebucht habe, versetzte meinem Schreib-Gehirn einen Adrenalin-Kick. 2013 hat mein Finger furchtlos den Kaufbutton gedrückt, um den letzten Platz im beliebtem „Buch-Schreibworkshop“ zu ergattern.
Innerhalb von 10 Tagen wollten angehende Autorinnen – wie ich – im Schreibcoaching ein Buch-Konzept für einen Ratgeber erstellen. Mit dem Ziel dieses Expose an einen Verlag zu senden.
Der erste Tag verlief super. Eine pfiffige Buchidee zu finden, fiel mir leicht. Aber diese Idee in eine inhaltliche Struktur und Gliederung – also in ein Expose zu bringen – hat nicht nur meinen Mikropony zum Schwitzen gebracht.
Nach einer Woche Schreibcoaching wollte ich alles hinschmeißen. Nicht selten erhielt ich meine Antworten-Pong von Gitte mit diesem Kommentar zurück: „Ulrike, schreib mal erneut mit neuer Weste.“ Das hatte jedes Mal einen anderen Grund. Das, was ich schreiben wollte, kam nicht aus meinem Expertenkopf heraus. Oder ich hatte plötzlich über ein neues Buch-Thema geschrieben. Nicht zu vergessen, den roten Faden in einem Buch-Konzept zu halten.
Heute kann ich über diese Momente lachen. Damals habe ich mich verflucht. Gitte verflucht. Das Schreiben verflucht. Zum Glück bin ich dabei geblieben und habe etwas Elementares für das Autoren-Dasein gelernt:
Wenn wir unseren einzigartigen Schreib-Kern ausdehnen und verfeinern wollen, brauchen wir einerseits Lehrer, die uns ein ehrliches Feedback in einem geschützten Raum geben. Andererseits benötigen wir den Mut, immer wieder über den Punkt des (möglichen) Scheiterns hinauszugehen. Eines der wichtigsten Learnings, das ich heute meinen Schreibcoachees mit auf den Weg gebe.

Viele schöne Momente, die im Gedächtnis bleiben. Liebe Gitte, ich weiß, du magst keine Abschiede. Daher zum Abschied ein paar Zeilen aus dem nächtlichem Schreibmarathon mit dir und ein leises Merci für alles. 

Ulrike
Verfasst am: 27.07.2013, 23:04

Schreiben ist das letzte Abenteuer auf dieser Welt.
Schreiben ist die schnellste Art, abzutauchen.
Schreiben ist die aufregendste Art, sich selbst kennenzulernen.
Schreiben erleuchtet.
Schreiben macht intelligenter.
Schreiben ist Heilung für die Seele.
Schreiben ist Teilen.

P.S. Gitte arbeitet ab 01.01.2021 als Coach für EinzelunternehmerInnen. – Seit 2015 schreibcoache ich Einzelunternehmer*innen bei ihren beruflichen Schreibprojekten.

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